lauter niemand - bio - prosa - lyrik - poetik
 
 
Hussam Naggar
 
 
Gelesen im lauter niemand literaturlabor 2015
 
Im Wartezimmer
 
Eine stille Erwartung auf Auslassungspunkte, abweichende Gedanken über die Sommersprossen eines vermeintlichen Zwillingsbruders und eine vage Bedeutung von..., der Einkaufkorb von dieser Frau heute Morgen am Parkplatz des Supermarkts fiel zu Boden und die Orangen kullerten ihr nur so vor und von den Augen. Tränen sind undenkbar und wenn sie mal kullern, dann als Auslassungspunkte. Der Lautsprecher kündet einen Namen und meint eine Person, die deutsch aufsteht; das geht mich nichts an. Als erwüchse Größe nebenbei, vielleicht beim tuschieren einer nächstgelegenen Zeitschrift und als sei Demut ein Reflex, der nur abwiegelt.
Der Warteraum ist ein physikalisch begriffener Raum, der mit einem dicken Gefühl ausgefüllt wird. Blickflucht bietet die vielbunte Spielecke. Als wäre nur mein Gedankenstrich unsichtbar und die anderen Individuen zuckten nach planlosen Impulsen und sinnierten über eine eventuell nicht ausgeschaltete Herdplatte. Aufkommende Gefühle werden bei Inbetrachtnahme schwül-wolliger. Man weiß nicht wohin. Über diesem Übergangszimmer könnte ein Laufsteg aus Schaumstoff angelegt sein, keinem der Wartenden würde es auffallen - und die Models flüsterten hübsch. Ich glaube, dass ich hier auf einer Zeitebene sitze, dieser Stuhl trägt mich weiter bis ich eben dran bin. Und in einem Fahrstuhl treten Veränderungen der Vertikale ein. Die einfachen Gemeinsamkeiten der Physiognomien stechen heraus: Mund, Nase, Ohren und Augen.
Ich ahne, dass ich im Wartezimmer langsam verstehe was einen Rahmen ausmacht: eine Aussparung, die erst den Unterschied zur Geltung bringt; hier kommt man auf Ideen (?). Ich sitze auf der Kante eines Zeitrahmens. Etwas, was überall passt ist ein Passepartout, was auch eine Dauerkarte oder ein Generalschlüssel sein kann.
Im Wartezimmer gibt es zwar keine Jahreszeiten aber trotzdem warten manche auf Grün und das es irgendwie losgeht. Aus dem Lautsprecher ertönt "April-April"; Gedankensprünge werden erst hier richtig wahrgenommen. Mir fällt der Filmtitel "Fahrstuhl zum Schafott" ein; das es hier für manche um ihr Leben geht fällt nicht ins Gewicht. Die Umstandsformen der Wartenden sind auf einen minimalen Raum begrenzt, das wird für selbstverständlich erachtet und nicht hinterfragt; aber ich bezweifle hier den grundsätzlichen Umstand der verrinnenden Zeit; das darf ich aber nicht laut sagen, sonst bekäme ich Schwierigkeiten. Da hier scheinbar nichts passiert, meint man, dass das der richtige Ort für sogenannte Kunst sei; man will den Augen Zerstreuungen bieten, eine gewisse Ablenkung von der Faktizität. Ein Wartezimmer hat atmosphärische Ähnlichkeiten mit dem Lesesaal einer Bibliothek, aber hier komme ichauf Einfälle ohne Grund, Einfälle, die nicht einmal in eine Zeitlichkeit gebettet sind. Auf einer sommerlichen Wiese eine unendlich lange Wäscheleine, auf der ein weißes Bettlaken dem anderen folgt. Den Wartenden fällt nicht auf, dass ich gar nicht warte, sondern einfach nur sitze und meinen Einfällen Gesellschaft leiste. Ich glaube, ich bleibe noch eine Weile bis ein Lüftchen meinen Sandkuchen aus dem Zeitfenster weht.
Der Stille ein Bild. Ein Bild der Stille.
 
 
Vorort
 
Rosinen im Kopf als Vorwort.
Im Vorort darf ich absichtlich Worte und Buchstaben verlieren, niemanden würde es einfallen sie mir nachzutragen. Entlegene Vorstellungen bleiben peripher - man will sich nicht befinden und spielt mit Analogiezauber. Einfälle nehme ich beim Wort und schreibe auf einen Zettel: "Gekrönte Anarchie", stecke die Botschaft und ein paar Rosinen in eine leere Weinflasche, verschließe diese und vergrabe sie im Sandkasten des nahegelegenen Spielplatzes. Abwege sind kursiv auf dem Kopf begehbar. In Vororten rollt man schräg, so kürzt man ab, und ab und zu stellt sich eine Eieruhr auf Umwege ein und erprobt die Wiederholung; dabei bin ich fünf Minuten ein abfärbendes Adjektiv, das nichts versteht - irgendwie am Rande eines Geschehens. Von ungefähr verwegen weist auf eine verschwiegene Himmelsrichtung und wird von einer hauchdünnen Gefühlslage getragen. Der Unterschlupf ist ein durchsichtiger Prozess, er deutet von sich weg und stielt sich davon.
Im Vorort befindet sich die Wolkenakademie, die Dozenten sind in der Zwischenetage, in Mikrozellen werden singuläre Wolkenschablonen ersonnen - Lockenlist. Die Frisur meiner Einbildungen will nicht so recht ins Bild passen, sie stellt sich auf Erfahrungsosmose ein. Verfehlungen von Strähnen als Aussichten für gerade und lang gehegte Gefühle kommen erst weit weg vom Schuss zur Geltung, ihre Elastik versetzt sie in morgendliche Stimmungen, die zur Verabschiedung des Schlafanzugs im Themsestrom führen - mit-unter verschwommen.
Blatt für Blatt wird der Herbst dokumentiert.
Einbrüche in Blumenläden werden nicht geahndet.
 
 
Schuhhörer
 
Horche an Schleifen, dem Flüstern von Schmetterlingen in einer Luftschachtel, höre einrascheln; Kapriolen, aus dem Rahmen fallende Umgangsformen, von losgelösten und ziellosen Schritten. Ein Zuhause für Fußfinger, ein Zuhause für mein Körperende, der nachdrücklichen Ferse und von ungefähr ist ein Kichern zu hören: Echo der kitzligen Kuppel - Fuß gebettet in Wortkulisse, kündet von Luftsprüngen, abgelaufenen Sohlen, von Nasskaltem und angegrautem Schneematsch. Komfort trotz Widrigkeiten und zumal ein betretenes Schweigen. Wenn nichts mehr geht bleiben auch meine Schuhe stehen. Ängstlich wage ich keinen Fuß vor dem anderen, in Stockung erstarren meine Beine zu Holz - Stelzen. Schuhe erinnern mich an einen Fortgang, auch wenn ich zumal nur krabbeln kann. Schuhe sind ein Fortsetzung-folgt. Im Dunkeln neben anderen geparkt flüstern sie sich "Gute Nacht" zu, geben sich Lederküsse und lassen meine Füße von Muscheln oder verwaisten Schneckenhäusern träumen.
Am Morgen, eine Überraschung: Aus heiterem Himmel band der rechte Schuh seinen Senkel an den Linken; ich protestiere und sage, dass das nicht gang und gäbe sei, irgendwie aus der Luft gegriffen und stelle beide Schuhe unter einen Stuhl. Der Stuhl läuft nach der Versetzung fort, lässt mich mit meinen verschachtelten Prädikaten links liegen; unruhig wippe ich von einem auf das andere Bein, der neue Schuhverbund braucht meine Füße nicht mehr und macht mich über die neue Ereignisbeflaggung unsicher; ich reibe meine nackten Füße aneinander und habe keinen Standpunkt mehr inne. Der linke Schuh streckt mir seine Zunge heraus und dem rechten Schuh verrutscht die Maßeinlage. Schnell verstehen sie es auf eigenen Füßen zu stehen und mir nichts, dir nichts spielen sie neue Schrittfolgen ein; ohne Füße können sie auch parallel verkehrt stehen, oder passgenau ihre Sohlen Wange an Wange legen.
Bedacht auf ihr symmetrisches Zugeneigtsein feiern sie ihre Freiheit in tänzelnder Zügellosigkeit. Gemeinsam geben sie sich halt in ihrer Haltlosigkeit, treten beim Pogo auf Springerstiefel, nippen mit ihren Spitzen an bunten Cocktails, betanzen Stöckelschuhe und legen eine kesse Sohle aufs Parkett.
Nachdem meine Schuhe mich verlassen haben, bemerke ich, dass es auch ohne sie geht.
 
 
Zweifel ist schön
 
Ein wenig verloren und etwas hilflos, getragen von einem Suchen, mit einer Glaubensader unterlegt, die ahnungsvoll streben lässt, empfinde ich sie zweifelndunglaublich schön: Meine Tochter Jale, wenn sie sich sprachlich nestelnd vortastet - Denken als Sinnesqualität. In ihrem abwägenden Streben erkenne ich mich in Dimension und Perspektive verschoben wieder, ich schwinge in ähnlich zweifelnden Amplituden. Zusehends halte ich mich im Wahrscheinlichen auf und pflege eine verbliebene Dynamik als Kippbewegung. Von ungefähr offeriert mir Jale den Glanz einer Frage: "Kann man Schmelzen hören?" Dabei wird mir warm ums Herz.
Ein von Geburt aus Gehörloser wittert das Klangbild von gleich und wenn eine Schneeflocke auf seine Nase fällt, spürt er den Schmelzpunkt zischen.