lauter niemand - bio - prosa - lyrik - poetik
2008
 
Armin Kurosh Marschall
 
 
Minima Poetica, Berlin
 

1.

Nun, da 'Rechts' die politische Disposition ist, die Macht/Autorität über andere zu gewinnen, und 'Links' die politische Disposition, die Macht/Autorität über sich selbst geltend zu machen, lautet der Schlachtruf der ersten: „Bekehrt sie!“, der der zweiten: „Bekehrt euch!“ – Beispiele der ersten Gruppierung: Manager, Berufspolitiker, Juristen. Beispiele der zweiten: Künstler, Wissenschaftler, Bauern. Erstere versucht, ihre Selbst-Macht durch Macht über die anderen zu sichern, letztere, die Autorität über andere zu modifizieren, indem sie sich ihrer Selbst-Macht versichert. Das Träumen von den Veränderungen in den Wirten (Falb), die subkutane Wirkung des lyrischen Wortes (Sanmann) etc. zeugen davon ebenso wie, sich grundsätzlich dem Verfassen einer Poetik zu entziehen oder Dichtung bis zum Anschlag zu apotheoisieren bzw. zu mystifizieren, z.B. als Wunderkugeln am Kiosk (Wolmeyer), gegen Positionswechsel à la Otto Schily nicht gefeit. Alles im Allem ein nicht konfliktfreies Konzept: du liest wie ein berserker der für seinen gegner kämpft (Kurosh), das im besseren Fall nicht mehr als einen Sieg unter anderen für uns bedeutet (Popp). Wie pathetisch.

2.

Poetisches Sprechen von diesem Kontext hergedacht bedeutet vor allem litoteisches Sprechen: Einmal rhetorische Figur der Untertreibung ist die Litotes nunmehr performativen Parameters, eine durch den Brambusch redende Ästhetik des Verschwindens, Täuschens, Sabotierens etc. alles ist außer mir (Popp), die fülle möglicher anwendungen war tatsächlich überwältigend (Falb), Oha (Jackson), du tränkst auf die gefühlteste nacht des jahres (Kurosh). Lesebühnen nicht ausgeschlossen (Surf-Poeten, Chaussee der Enthusiasten etc. Slams? Nö). Mit anderen Worten: sich den Aussagen und Kontexten zu untertreiben, dem Pathos das Wort zu zerreden, Reduktionen des Menschlichen aufs weniger als man. Das Ich als Entzugserscheinung unter seinen (re)komponierten Erfahrungen, sprich: Metaphern, Pastichen, Szenen, Kontexten… Da, wo sie sich offenbart, entzieht es sich schon. Deshalb ist die Litotes eine paradoxe, lyrische Form des Überlebens, nichts anderes als eine Übertreibung, der man es nicht anmerken soll. Oder auch das: Das Behaupten der Zweckfreiheit von Dichtung war nie hyperbolisch, sondern schon lange litoteisch! DaDanke.

3.

Poetisches Denken, das ist kein Monopol der Dichtung (wie sonst wären Effekte möglich?), beruht auf der Freiheit der Position zugunsten sprachlicher, doch kontingenter Perspektiven. Als Werkzeug zeigt es sich in bester Form als Metapher, checkt systematisch ihre Grenzen ab wie die des (Un-)Kommunizierbaren: Differentialrechnung und die Implementierung von ICMs (Idealized cognitive models). Ihre sportliche Verlängerung zu Achsen oder Brüche, Schnitte, Parkettierungen… Hyperkorrekter Stil: Mach es besser, anders oder gar nicht. Was neu ist, ist meist katachresisch, eine Trophäe. Ihre Formen, kardinal: das Enjambement, eine optische Illusion, nach der ein Fragment als Ganzheit erscheint. Weil Dichtung in unbedingt freiwilliger Hinsicht ein Genussmittel ist, führt es, wenn nicht zur Selbst-Verzückung, zur Erkenntnis. Salomon hatte es z.B. voll drauf: Deine Brüste sind Gazellen-Zwillinge, die unter Lilien weiden. Man hätte auch schreiben können: Deine Brüste sind zwei Antilopen Punkt. Oder wie sähen die Brüste aus, wenn sie Blumenkohl kauen statt unter Lilien weiden?! Welche Brüste überhaupt?! Ähm…

 
gedicht zur poetik: ovationen┬░┬░┬░